One night in Bensheim

…makes a hard man humble? Fortsetzung der beliebten Reihe „Ortsnamen, die Stirnrunzeln hervorrufen, wenn man sie als Reiseziel erwähnt“

Ich komme aus der Heimat, wo ich innerhalb weniger Tage fast die gesamte Verwandtschaft getroffen habe, und bin auf dem Weg zum Gemeinschaften-Vernetzungstreffen, wo mir ebenfalls zahlreiche Begegnungen bevorstehen. Um nicht so nahtlos von der einen in die nächste Überforderung zu plumpsen, gönne ich mir einen Zwischenstopp auf halber Strecke. Warum ausgerechnet in Bensheim (40’000 Einwohner*innen), mag manche*r fragen. Die Alternativen wären Frankfurt oder Kassel gewesen, und bitte – da klingt Bensheim doch reizvoller. Gerade wenn man auf abseitige Urlaubsziele steht. Wobei, wenn ich’s mir recht überlege: „Urlaub in Frankfurt“, das wäre auch mal ’ne Challenge. Aber das darf jemand anderes erkunden.

Schon die Planung ist „vielversprechend“. Ich klicke mich durch die Liste der Hotels auf der Homepage der Stadt und bleibe zunächst bei der Stadtmühle hängen. Fünf Zimmer, das klingt superschnuckelig, selbst wenn es laut Homepage „etwas lauter werden kann“, weil es sich um eine Musikkneipe handelt. Aber oh weh: „aktuell leider keine Zimmer frei“. Als nächstes frage ich bei der Pension La Palma an und werde abgekanzelt: man habe mir doch schon geschrieben, dass nichts frei sei. Habe ich einen Doppelgänger? Fündig werde ich schließlich im Gästehaus Präsenzhof, einem Familienbetrieb in der Innenstadt.

Im Zug zappe ich mich noch schnell durch dieses Internet: gibt es alternatives Leben in Bensheim? Regional, fair, bio? Veganes Essen? Nicht dass ich auf Letzteres bestehe, aber es ist ein guter Indikator, wie divers eine Stadt ist. Gleich bei den Plakatwänden in der Bahnhofsunterführung bin ich aber hocherfreut: Christian Felber erneut in Bensheim! Das fetzt ja. Auch für regionale Lebensmittel wird geworben, neben meiner Unterkunft finde ich einen Weltladen, später in der Stadt einen Regionalwaren-Pop-Up-Store, ein Yoga-Studio sowie einen Permakultur-Treffpunkt. Fehlt ja nur noch eine Pride-Flag, um das Bild zu vervollständigen. Oh hoppla – da hängt eine! Hätten wir das auch.

Die Ausstattung des Präsenzhof ist teils etwas überholt, die Wanddeko ist nicht meins, aber hey – das Internet ist schnell! Was will man mehr.

Das nutze ich gleich, um Lokalitäten fürs Abendessen zu recherchieren. Neben den üblichen „original indische Dönerpizza“-Lokalitäten stünde auch Sushi oder ein persisches Restaurant (Aria) zur Auswahl. Für den Herbst ist außerdem die Eröffnung eines marokkanischen Restaurants (Tajine Manufaktur) angekündigt.

Noch bunter geht es im benachbarten Heppenheim (26’000 Einwohner*innen) zu: neben einem Fonduerestaurant kann dort auch spanisch oder äthiopisch-eritreisch gegessen werden. Weit mehr also als nur „gutbürgerliche Küche“ – das gefällt mir.

Vor dem Abendessen streune ich noch ein bisschen durch die Stadt. Eine Freundin unkte noch: „Bensheim? Da werden doch um acht die Gehsteige hochgeklappt!“ Ach komm, das ist jetzt aber wirklich übertrieben:

Es ist lediglich so, dass die gesamte Dorfjugend (also die, die noch nicht ins Bett müssen), bei Buddiez Burger abhängen:

Kulinarisch vielversprechend klingen auch das Café Leichtsinn sowie die Eismanufaktur Coccola – aber die bleiben mir aufgrund meines kurzen Aufenthalts vorenthalten. Zu Abend esse ich schließlich im MaBs und trinke dazu ein Glas Äppler – Ehrensache. Der haut allerdings ganz schön rein (bei so Ungeübten wie mir), so dass ich zwischendurch Sorge habe, nach Hause zu finden. „Bembel with care“ – der Slogan der angrenzenden Lokalität hat seine Berechtigung.

Danach schlafe ich so tief und fest, dass ich um Haaresbreite das Frühstück in meiner Unterkunft verpasse. Ich breche auf zu meiner nächsten Station – nett war’s hier!

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