Fahrräder und Immobilien – ein ungeplanter Besuch auf der VELOBerlin

Meine Gemeinschaft liebäugelt mit dem Kauf eines gemeinsam genutzten E-Bikes. Die Recherchen dafür haben mich auf die Fahrradmesse VELOBerlin gebracht – wo es überaschenderweise auch Übernachtungshütten zu sehen gab.

Dinge gemeinsam zu nutzen ist ja grundsätzlich ökologisch sinnvoll, und nachdem das allgemeine Interesse an E-Bikes längst auch meine Gemeinschaft erreicht hat, denken wir schon eine Weile über den Kauf eines E-Bikes nach, das wir gemeinsam nutzen könnten. Denn mit Fahrrädern ist es nicht viel anders als mit Autos: die allermeiste Zeit stehen sie ja doch rum.

Ein erstes Abwägen, welches Modell möglichst viele Bedürfnisse erfüllen würde, gleicht einer Quadratur des Kreises. Das Fahrrad soll möglichst niederschwellig zu nutzen sein, also keine große Übung für sicheres Fahren erfordern. Viele wünschen sich aus dem Grund ein dreirädriges Fahrrad, weil man damit vermeintlich nicht umfallen kann – wobei die Erfahrung mit unseren bereits vorhandenen Lastenrädern zeigt, dass man sich da oft in trügerischer Sicherheit wiegt. Auch die übrige Technik sollte unkompliziert sein – also kein Wahnsinns-Bordcomputer, und auf jeden Fall eine hochwertige Nabenschaltung. Bei der verbreiteten Kettenschaltung ist die Gefahr groß, durch unsachgemäße Nutzung Schäden oder zumindest hohen Verschleiß zu verursachen.

Wofür würden wir es konkret nutzen? Ein häufig genanntes Szenario ist die „Bahnhofsabholung“ – der nächste Bahnhof ist vier Kilometer entfernt, und wenn abends keine Busse mehr fahren, wird diese kurze Strecke all zu oft mit fossil betriebenen Autos zurückgelegt, um Menschen samt Gepäck abzuholen. Auch die Fahrt ins nächste Dorf, wo unser Gartenteam einen Acker mitnutzt, sollte möglich sein – am besten samt Transport von 2-3 Menschen samt 200 kg Kartoffeln. Andere wiederum wünschen sich einfach „nur“ ein E-Bike, um Ausflüge zu machen. Und wieder andere würden gerne Kinder transportieren – die einen kleine, die anderen größere.

Von einem ersten Besuch bei isicargo im März komme ich nachdenklich und ernüchtert zurück – diese eierlegende Wollmilchsau gibt es schlicht nicht. Insbesondere finden wir kein Gefährt, das ohne Weiteres für den Transport einer zweiten erwachsenen Person samt ausgewachsenem Gepäck geeignet wäre. Ein paar aus unserer Probefahr-Delegation verlieben sich spontan in das Load von Riese&Müller – dank Vollfederung und niedrigem Schwerpunkt fährt es sich unglaublich einfach und bequem. Aber gleichzeitig sind wir unschlüssig, ob es einen wesentlichen Teil der oben genannten Anforderungen abdeckt.

Statt dessen fassen wir ein Longtail-Modell stärker ins Auge – das sind Fahrräder mit überlangem Gepäckträger, der so stabil ist, dass darauf eine erwachsene Person mitgenommen werden kann. Davon abgesehen ist es vom Fahrgefühl sehr nah an einem normalen Fahrrad. Bei der Suche nach einem solchen Fahrrad mit Nabenschaltung fällt vieles raus. Das Yuba Boda Boda etwa, von dem wir zwei privat am Platz haben, ist zwar heiß geliebt, aber der Hersteller setzt ausschließlich auf Kettenschaltung. Übrig bleiben nach langen Recherchen das Riese & Müller Multicharger Mixte, das Veloe Multi sowie das XCYC Pickup Life.

Bei einem Ausflug nach Berlin will ich mit M. das Veloe Multi anschauen, das wir bisher nicht im Blick hatten. Als wir in der Stadt sind und kurz bei isicargo anrufen, um zu fragen, ob sie dieses Modell vorrätig haben, heißt es auf dem Anrufbeantworter allerdings: „Der Laden ist geschlossen, wir sind dieses Wochenende auf der VELOBerlin. Kommt uns dort besuchen!“. Wir sind elektrisiert – eine Fahrradmesse! Also fahren wir zum Flughafen Tempelhof und tauchen ein in eine ganz eigene Welt unterschiedlichster Fortbewegungsmittel.

Transporter? Wohnmobil? Pedelec! – Bildquelle: onomotion.com

Ich bin fasziniert von E-Bikes, die schon fast Kleinlastern ähneln, muss mich aber immer wieder weiterziehen lassen: „Nein, L., das kaufen wir nicht!“ Neben der ONO ist da etwa ein Modell von VOWAG, auf dem ganze vier erwachsene Passagiere Platz finden. Wir ziehen von Stand zu Stand, und hören häufig ein bedauerndes „Nein, leider nur Kettenschaltung“. Auch Longtails mit kleinen Rädern, etwa von tern oder Benno Bikes verwerfen wir – die fahren sich dank niedrigen Schwerpunkts zwar leicht, aber der*die Mitfahrende*r hat wegen des geringen Abstands von Trittbrett und Sitzfläche leicht die Knie hinter den Ohren.

VOWAG Cargo – der Monstertruck unter den E-Bikes

Am Stand von isicargo finden wir schließlich alle gesuchten Modelle. Der Vergleich zwischen R&M Multicharger und Veloe Multi zeigen, dass Riese&Müller klar im Premiumsegment angesiedelt ist: das Rad fährt sich dank Federung äußerst bequem, ist für ein „normales“ Zweirad ganz schön mächtig, und hat insgesamt eine Menge Technik an Bord.

Riese & Müller Multicharger Mixte – Bildquelle: stromrad.com

Das Veloe Multi ist dagegen ein solides, wertiges „Brot und Butter“-Fahrrad ohne Schnickschnack: Der Bordcomputer ist fest montiert, Federung gibt es nicht, dafür ist der Lenker per Schnellspanner höhenverstellbar – das ist perfekt für die Nutzung durch unterschiedliche Menschen. Auf dem Gepäckträger lässt sich eine Person transportieren, man kann aber ebenso gut allein fahren.

Für Gepäck würden wir einen (bereits vorhandenen) Anhänger von hinterher nutzen. Bei der Schaltung schenken sich die Räder von Riese & Müller und Veloe nichts. Beide können mit der stufenlosen Nabenschaltung von enviolo ausgestattet werden – ein absolut faszinierendes Stück Technik, das sich nach kurzer Eingewöhnung sehr intuitiv nutzen lässt. Das Veloe kommt also definitiv in die enge Auswahl.

Fahrradanhänger von hinterher.com – Bildquelle: cargobikez.de

Erfreulich ist die Begegnung mit dem Vertreter von XCYC – einem sympathisch schwäbelnden Menschen, der mir erklärt, dass die Firma 2018 aus einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung hervorgegangen ist. Die dort betreuten Menschen hatten Lust auf Fahrradausflüge, aber so gar keine Lust auf piefige „Behindertenfahrräder“. Also haben sie sich an die Entwicklung coolerer Alternativen gemacht, und offensichtlich einen Nerv getroffen. Die Firma kommt mit Produzieren kaum hinterher – die Räder sind extrem beliebt. Das Pickup Life – erst letztes Jahr eingeführt – soll leider aus dem Programm genommen werden. Spannend ist da die Kombination aus kleinem Hinterrad und hoher Sitzbank – dazwischen ist Platz für Gepäck, womöglich gar für einen kleinen Rollkoffer. Der hohe Sitz war aber auch ein Problem: nimmt der Passagier beim Anhalten nicht rechtzeitig die Füße vom Trittbrett, kann der*die Fahrer*in unter Umständen kaum das Gleichgewicht halten. Stattdessen sehen wir einen Prototypen mit deutlich niedrigerer Sitzbank, der sich in dieser Situation deutlich leichter beherrschen lässt, aber eben auch wieder das „Knie hinter den Ohren“-Problem mitbringt.

Eine ganz ungeplante Entdeckung ist ein dreirädriges E-Bike mit Neigetechnik von Mäx & Mäleon, das die Anforderung „ein Passagier plus Gepäck“ gut erfüllen würde. Die Sitzbank lässt sich mit wenigen Handgriffen beiseiteklappen, wenn mal nur Gepäck transportiert werden soll. Das Fahren damit macht großen Spaß, und wir erfahren, dass es in Stuttgart produziert wird. Regionale Produktion also auch noch – prima.

Lastenrad mit Neigetechnik von Mäx & Mäleon

Ansonsten entdecken wir noch eine Menge verrücktes Zeug – etwa Fahrräder mit riesigen Reifen und großem Frontscheinwerfer, die schon fast nach Motorrad aussehen. Ein Lastenrad, dessen Rahmen komplett aus Holz besteht. Ein dreirädriges Lastenrad mit Hinterachslenkung. Und verschiedenste Anhänger, etwa den raffinierten CarlaCargo, aber auch andere, bei denen wir überlegen, dass sie durchaus für Bestattungsunternehmer interessant sein könnten. Klimaneutral bis zum Schluss – mit dem E-Bike zum Friedhof – das wäre doch was.

Auch das Convercycle, das sich mit wenigen Handgriffen vom Fahrrad zum Lastenrad umbauen lässt, finde ich ziemlich raffiniert:

Das mit Abstand abgefahrenste ist jedoch das BeTriton, ein „Amphibien-Camping-Bike“, das man nur noch mit viel gutem Willen als Fahrrad bezeichnen kann. Wobei es schon drei Räder hat und mit Pedalen fortbewegt wird. Aber es kann eben auch schwimmen und als Mini-Unterkunft dienen – in der Nähe der Mecklenburger Seenplatte sicher reizvoll. Aber im trockenen Fläming? Na gut, eher nicht.

Zwischen all diesen faszinierenden Fortbewegungsmitteln entdecken wir ganz unverhofft auch eine Immobilie: eine Übernachtungshütte von Werkhaus, die in Hitzacker produziert wird. Das Dorf Hitzacker war mir aus dem GEN-Kontext schon ein Begriff, und die dort ansässige Firma Werkhaus habe ich kürzlich im Land. Magazin entdeckt. Weil wir aktuell überlegen, welche Übernachtungsmöglichkeiten wir unseren Gästen anbieten könnten, die vom Komfort her „knapp über Zelt“ liegen, war ich begeistert von den Konzepten, die Werkaus entwickelt hat: angefangen vom winzigen „Bett to go“ für eine Person bis zu kompakten Übernachtungshütten für vier Personen. Mit destinature hat Werkhaus ein ganzes Feriendorf aus solchen Unterkünften ausgestattet, und ein weiteres ist schon in Planung. Meine erste Frage, ob die Hütten zu kaufen seien, wird leider verneint – der Holzmarkt spiele aktuell so verrückt, dass sie schon froh seien, Holz für ihre eigenen Projekte zu bekommen.

Auf der Messe haben sie eine winzige Zwei-Personen-Übernachtungshütte samt Terrasse dabei, die auf Füßen aus Gerüstbau-Elementen steht. So steht sie einerseits trocken, andererseits erspart das Bodenversiegelung durch ein Betonfundament. Die größeren Hütten seien dank Schafwoll-Dämmung und solarbetriebener Infrarotheizung sogar ganzjährig nutzbar. Weil der Mangel an wetterfestem Douglasien-Holz sie einstweilen zur Verwendung von Kiefernholz gezwungen hat, haben sie ausgiebig mit ökologischen Lacken experimentiert. Der Verzicht auf Lösungsmittel habe aber wiederum lange Trocknungszeiten zur Folge, was die Produktion weiter verteuert. Mit ökologischen Lacken von Auro hätten sie einen guten Kompromiss gefunden – die Hütten könnten am Ende der Lebensdauer also recht problemlos entsorgt werden. Ich bin fasziniert von so viel Herzblut für ökologisches Bauen, und kann Werkhaus und uns nur wünschen, dass sich der Holzmarkt bald entspannt – vielleicht kommen wir dann ja doch noch zum einen oder anderen „Bett to go“. Eine Bereicherung im Angebot unserer Schlafgelegenheiten wäre es definitiv.

2 Antworten auf „Fahrräder und Immobilien – ein ungeplanter Besuch auf der VELOBerlin“

  1. Wow, danke mit wieviel Herzblut du dich deinen Aufgaben widmest. Vielleicht sollten wir doch noch einen See bauen, um das Amphibiencampteil zu kaufen? Abgefahren….

  2. Lieber L.,

    großes Danke für deine Recherche und deinen ausführlichen Bericht. Das perfekte Lastenrad wird es sehr wahrscheinlich für uns nicht geben, aber ich bin der Meinung dass wir neben den privaten PKWs und den Carsharing-Autos „selbstverständlich“ als ökologisch orientierte Gemeinschaft dringend eine umweltfreundliche Alternative brauchen, die für alle nutzbar ist.
    Klares JA zum Lastenrad fürs ZEGG !
    Herzlichen Gruß
    Saskia

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