Zwischen den Jahren, zwischen den Welten

In meiner Gemeinschaft findet gerade der jährliche Silvester-Retreat statt. In einer benachbarten Gemeinschaft findet ebenfalls eine Jahresendveranstaltung statt – das war’s dann aber auch so ungefähr mit den Gemeinsamkeiten.

In meiner Gemeinschaft stehen ganz die Rauhnächte im Vordergrund: Einkehr, Stille, Ausatmen. Die Einkehr beginnt – für die, die mögen – morgens um halb acht mit Traumforum am Lagerfeuer. Anschließend gibt’s Frühstück bis Punkt zehn, dann Impulsvorträge im Plenum bis zum Mittagessen. Ansonsten über die Tage verstreut: Schwitzhütten, Naturspaziergang, Mantrasingen und Märchenfeuer. Es wird geräuchert und mit dem großen Gong getönt, die Küchencrew kocht jahreszeitlich passend Suppe und Gedünstetes.

Ganz anders wenige Kilometer weiter. Darf ich vorstellen? Die Alte Hölle, ein neuer Stern am Fläminger Gemeinschafts-Firmament. Angesiedelt in einem alten Hotel samt Gasthof, bevölkert mit Menschen, die dem CCC oder auch ZKM nahestehen. Weil der Chaos Communication Congress dieses Jahr c-bedingt zum dritten Mal ausfällt, gibt es dezentral Programm – organisiert durch verschiedene lokale Clubs.

Die Alte Hölle ist einer dieser Veranstaltungsorte. Dort beginnt der Tag gegen elf mit Frühstück. Die ersten Vorträge starten gegen eins, Mittagessen gibt’s gegen vier beziehungsweise, wenn es über die Tagungs-Signalgruppe als fertig angekündigt wird. Anschließend weitere Vorträge und Workshops bis zum Abendessen (so gegen neun). Statt Lagerfeuer werden mit dem Showlaser Muster in die Bäume projiziert, in den Straßenlaternen wabern RGB-Effektlampen. Es gibt eine Nagellack-Bar, die allen offensteht. Die Küchencrew wird mit dem Namen „Team Geil“ angesprochen, statt Spülschicht heißt es „Küchen-Rave mit Spül-Effekt“.

Der Tagesplan „unseres“ Festivals besteht aus einer Tabelle, die in ein Word-Dokument gepackt, in ein pdf konvertiert und als Mailanhang verschickt wurde. Wenn ich ihn öffne, sieht das so aus:

Ausschnitt Tagesplan „Tabelle-in-Dokument-in-pdf-in-Mail“

Für die Gäste hängt der Plan an mehreren Stellen auf dem Gelände aus. Wenn sich was ändert, besteht meine Aufgabe darin, mit dem Rotstift über den Platz zu laufen und die Änderungen in den Aushängen nachzutragen. Das kommt regelmäßig vor – über dem Plan steht „Änderungen sind wahrscheinlich“.

Über dem Plan der Alten Hölle steht am dritten Tag „Version 0.8.2 beta 2 FINAL“, was als Synonym für „Änderungen sind wahrscheinlich“ gelesen werden darf. Das ist aber nicht schlimm, denn wenn sich was ändert, muss ich in meinem Browser nur einmal auf „Aktualisieren“ drücken. Nebenbei ist der Vorteil, dass ich den Kopf nicht schieflegen muss, um den Plan zu lesen:

Ausschnitt Tagesplan „Hacking in Hell“ (Klick zum Vergrößern)

Bei den täglichen Gruppen „meiner“ Silvestertagung geht es um somatisches Spüren, um Tanz, Sinken, Berührung und Verbindung. Bei den Vorträgen in der Hölle wird berichtet, wie man ein Cochlea-Implantat so hackt, dass man damit Fledermäuse hören kann. Es gibt Einführungen in die Bedienung (und das Hacken) von Showlasern. Dazwischen Massage-Workshop und „Näh dir deinen eigenen Bademantel aus alten Handtüchern“-Workshop (mit liegengebliebenen Handtüchern aus der SteinTherme, yay!). In weiteren Talks geht es um Insekten, Kolonialismus, Feminismus und die Verbindung zwischen Hexen und Commoning. Sehr kurzweilig auch: ein Talk mit sehr komplexen, unterhaltsamen Antworten auf die vermeintlich einfache Frage, was eigentlich „Leben“ ist. Auf der Tagung zu Hause geht es ganz ums nach-innen-stülpen, in der Hölle werden einige Vorträge live in die Welt gestreamt.

Damit das Programm übersichtlich bleibt, male ich für „mein“ Festival täglich einen groben Tagesplan auf ein Flipchart und drucke Aushänge, die ich zu Fuß über den Platz verteile. In der Hölle gibt es eine Signal-Gruppe, in der Fragen nach Bettwäsche, Mitfahrgelegenheiten und exotischen Adapterkabeln munter durcheinanderpurzeln. Letztere Anfrage löst eine lebhafte Diskussion aus, wie man so was ad hoc selbst löten könnte. Niemand blökt „Könnt ihr das bitte dezentral klären !!1!“ dazwischen.

Auf „meinem“ Festival besteht mein Job zeitweise darin, lächelnd vor der Aula zu stehen und die Gäste willkommen zu heißen. Die Gäste schätzen das sehr, und ich mache es gern. In der Hölle wird niemand abgestellt, um mich anzulächeln. Ich fühle mich trotzdem sehr willkommen. Ich kann mich mit dem mitgebrachten Elektronik-Bastelprojekt im Hackspace ausbreiten, ohne dass jemand fragt, wer ich bin, was ich da mache und ob ich überhaupt angemeldet bin. Gelegentlich beugt sich jemand über meinen Versuchsaufbau und gibt freundlich, aber komplett unmissionarisch Tipps, wie das, was ich da unter Windows murkse, mit Linux viel leichter ginge.

In „meiner“ Gemeinschaft bin ich für einige der absolute IT-Gott. In der Hölle kann ich sein, was ich auch bin: halbwissender Neugieriger. Auf beiden Tagungen gibt es Momente, in denen ich spüre, dass ich okay bin: zu Hause in Bewusstheitsübungen mit anderen, in der Hölle beim Erleben, dass es okay ist, dass ich nicht ganz so auf Rauhnachtzeremonien abfahre wie manch andere.

In „meiner“ Gemeinschaft fühlen sich Menschen extrem edgy, wenn sie sich auf dieses „Gendern“ einlassen. In der Hölle machen die meisten Menschen das einfach, ohne dass es eine gehobene Augenbraue wert ist. Natürlich auch eine Frage der Altersstruktur: in „meiner“ Gemeinschaft bin ich mit meinen 42 Jahren eines der jüngsten Mitglieder. In der Hölle fühle ich mich eher im oberen Fünftel des Altersspektrums.

Wahrscheinlich lesen manche meiner Homies diesen Text wieder mit einem sorgenvollen „Oh weh, zieht L. jetzt dorthin?“. Nope, so schwarz-weiss ist die Welt nicht. Mir ist bewusst, dass ich einen rosigen Besucher-Außenblick auf die Alte Hölle habe. The grass is always greener on the other side, das Essen in anderen Gemeinschaften schmeckt grundsätzlich besser als das zu Hause, und in den Burnout arbeiten kann man sich eh überall. Ich bin mir der Qualitäten meiner Gemeinschaft bewusst, und ich kann dem nach-innen-Stülpen durchaus was abgewinnen. Aber es ist gut, um diese verschiedenen Welten (es gibt noch unzählige mehr!) zu wissen und bewusst zu haben, dass Rauhnacht-nach-innen-stülp halt nur eine von vielen Möglichkeiten ist, den Jahreswechsel zu verbringen.

Danke für die schönen Tage in der Hölle – ich freue mich auf weitere Besuche!

6 Antworten auf „Zwischen den Jahren, zwischen den Welten“

  1. Ich hab mich schlapp gelacht beim Lesen – es lebe der Kontrast!
    Toll geschrieben!

    Und was für eine geile Region ist das, in der sich zwei dermaßen gegensätzliche Gemeinschaften ansiedeln!

  2. Danke für diesen erfrischenden Bericht. Schön, das du die Nase über unseren Tellerrand streckst und in der großen, kleinen weiten Welt schnupperst.
    Lieben Gruß aus dem Paralleluniversum

  3. Immer wieder schön und erfrischend, von dir zu lesen. Danke von Einer die auch immer wieder zwischen den Welten wandert und endlich mal die Alte Hölle besuchen muss!

  4. Danke für diesen erfrischenden Außenblick. Und zum Glück ist auch in „deiner“ „meiner unserer“ Gemeinschaft nicht immer alles Rauhnachtweichgespült, sondern das andere und die Welt dürfen durchaus auch Platz haben…

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