Kaum hat man ein Kind, hat man andere Sorgen, als Filme zu schauen, Bücher zu lesen und darüber zu schreiben. Überraschung! Und dann ist da auch noch meine neue Spielwiese, das Techniktagebuch. Für ein wenig Kultur hat’s dann aber doch noch gereicht im vergangenen Jahr.
📖 What if 2 (Randall Munroe)
Wie schon im ersten Band rechnet auch hier der ehemalige NASA-Robotikingenieur wieder die absurdesten Fragen seiner Fans durch. Also lebenspraktische Dienge wie „Was würde passieren, wenn das gesamte Sonnensystem bis zum Jupiter mit Suppe gefüllt würde?“. Das möchte die fünfjährige Amelia wissen.

Munroe rechnet das geduldig durch, und nicht selten führen die Gedankenexperimente zur Auslöschung der Menschheit. Das aber immer wohlbegründet und immer sehr unterhaltsam.
📖 Muttermund tut Wahrheit kund (Kirsten Fuchs)
Ich komme mir vor wie eine Kneipe. Ständig greint jemand vor mir und will saufen, liegt danach stundenlang weggetreten rum, rülpst und spuckt ein bisschen, grinst und macht zufriedene Meerschweinchengeräusche.
Niemand kann so schön übers Elternsein schreiben wie Kirsten Fuchs! Und die Meerschweinchengeräusche haben längst in unseren Alltags-Sprachgebrauch Einzug gehalten.
🎬 Der Junge, dem die Welt gehört

Warum interessant? Weil: Robert Gwisdeks Regiedebüt!
Die Handlung ist nicht ganz einfach zu erklären, Gwisdek selbst versucht das hier. Wenn du danach immer noch nicht weißt, wovon der Film handelt: macht nichts. Großartig, anyway.
Zu sehen auf https://www.kreisfilm.com/the-boy-who-owns-the-world
🎬 Soldaten des Lichts

Der Dokumentarfilm beleuchtet eine wachsende Szene von Influencern, Life Coaches und selbsternannten Heilern, die Verschwörungerzählungen verbreiten und in enger Verbindung zu sogenannten Reichsbürgern und anderen antidemokratischen Kräften stehen. Es gelingt den Filmemachern, einen Einblick in eine Parallelwelt zu geben. (Quelle: koki-es.de)
Zu sehen in der ZDF-Mediathek: https://www.zdf.de/dokus/soldaten-des-lichts-movie-100 (aus Jugendschutzgründen nur nach 22 Uhr, alternativ via MediathekViewWeb)
🎬 Gotteskinder

Auch irgendwie Sekte, nur anders: diesmal evangelikale Freikirche. Also das, was über viele Jahre meine Heimat, meine Ersatzfamilie war. Die Regisseurin hat sorgfältig recherchiert, viele Codes und Haltungen erkannte ich wieder, und abgesehen vom Ende, wo einiges entgleist, ist der Film leider kaum überzeichnet, sondern ziemlich realitätsnah.
Zu sehen z.B. in der arte-Mediathek, alternativ auf einigen Streamingportalen.
📖 Die Herrenausstatterin (Mariana Leky)
Die Protagonistin verliert Mann und Job, dafür sitzt plötzlich ein älterer Herr in ihrer Wohnung herum, den nur sie sehen kann, und auch ein Feuerwehrmann kommt regelmäßig zu Besuch, angeblich weil er „gerade in der Gegend was zu löschen hatte“. Wieder herrlich absurd; wer Was man von hier aus sehen kann mochte, wird wohl auch diese Geschichte mögen.
📖 Hoplopoiia (Jochen Schmidt)

Umwerfend, wie Schmidt diese Hippie-Bubble karikiert, in der ich lebe. Und ich finde mich treffend porträtiert im „Griesgram, der diese Tröstungen für von der Wahrheit überforderte Menschen verachtet“.
🎬 15 Liebesbeweise

Sehr einfühlsam, warmherzig, schwer und lustig zugleich. Seit 2013 gibt es in Frankreich die gleichgeschlechtliche Ehe, und der Film erzählt, wie es ist, als lesbisches Paar ein Kind zu bekommen und anschließend als die Nicht-Gebärende das eigene Kind adoptieren zu müssen. Wesentliche Voraussetzung für die Zustimmung des Familiengerichts sind die namensgebenden „Liebesbeweise“, 15 persönliche Briefe von Freunden und Verwandten, mit der die Eignung für die künftige Rolle belegt werden soll.
In einer der Hauptrollen Monia Chokri, an der ich schon in Herzensbrecher große Freude hatte.
Aktuell zu sehen im… Kino.
🎬 How to talk to girls at parties

Film des Jahres! Außerirdisches Mädchen trifft auf englischen Punk in den 1970ern. Basierend auf einer Kurzgeschichte von Neil Gaiman. Unnachahmlich, wie Elle Fanning haucht: „Do more Punk to me!“
Regie hatte John Cameron Mitchell, auch bekannt für Shortbus. Das erklärt dann auch den deutlich kinky-en Einschlag des Films. Eine abgefahrene, sehr lustige Science-Fiction-Kostümklamotten-Komödie, bei der ich zum Schluss sogar noch ein bisschen weinen musste.
Zu sehen auf https://www.rakuten.tv/de/movies/how-to-talk-to-girls-at-parties
Ach ja, der Jahresend-Buch-Binge-Kauf!
Wie jedes Jahr dabei: Freu-Garant*innen wie Meyerhoff, July, Leky und Faktor. Und andere, bei denen ich längst vergessen habe, warum ich sie mal auf die „interessant-Liste“ setzte. Ich werde mich von mir selbst überraschen lassen.
