Herr, Frau, Fräulein?

Sage mir, wie du dein Gegenüber ansprichst, und ich sage dir, wer du bist. Über systematische Benachteiligung von nicht-männlichen Wesen.

Ich habe den Spleen entwickelt, Kontaktformulare daraufhin zu prüfen, welche Optionen der Anrede sie anbieten. Muss ich mich zwischen „Herr“ und „Frau“ entscheiden? Das ist dürftig – es diskriminiert Menschen, die sich diesen zwei Schubladen nicht zuordnen können oder wollen. Dagegen freue ich mich, wenn zusätzlich die Felder „divers“ und „Ich möchte keine Angabe machen“ angeboten werden: damit macht man schon einiges richtig.

Verblüfft war ich neulich, als ich im Kontaktformular einer befreundeten Gemeinschaft auf eine weitere veraltete Variante stieß: das Fräulein.

Das Blog Womanstats veröffentlichte dazu gerade einen lesenswerten Artikel, in dem sie darstellen, welche Nachteile Frauen entstehen, wenn sie im Unterschied zu Männern gezwungen werden, ihren Beziehungsstatus anzugeben. Und für ein Newsletter-Abo ist die Information schlicht irrelevant. Weg damit!

Kleiner Einschub: eine Zeit lang hatten wir verschiedene Menschen in der Gemeinschaft, die sich vehement für solche vermeintlichen Details eingesetzt haben. Frucht dieser Mühen ist, dass wir diverse, zwischenzeitlich allgemein akzeptierte All-Gender-Toiletten und -Bäder haben. Außerdem kennt unser Buchungssystem die Option „divers“ bzw. „anders identifiziert“. Nichts, wofür ich im Jahr 2020 übermäßig Applaus erwarte – aber leider noch lange keine Selbstverständlichkeit. Eine weitere Frucht ist, dass dieses Insistieren mich sehr geprägt und meine Aufmerksamkeit geschult hat. Die meisten dieser Menschen sind zwischenzeitlich leider ausgezogen – teils auch aus Frust, dass diese Form von Kulturwandel ihnen nicht schnell genug voranging. Das ist ziemlich schade, denn wir brauchen diese Impulse weiterhin auf unserem Weg zu einem möglichst diskriminierungsarmen Zusammenleben.

Zu guter Letzt noch ein Beispiel, wie man die Sache fragwürdig auf die Spitze treiben kann. Beim Anlegen neuer Konten in Datev soll ich nicht nur Anrede (Herr|Frau 🤦) und Titel festlegen, sondern kann auch aus einer irrwitzig langen Liste an Adelstiteln wählen. Hier nur zwei kleine Ausschnitte:

Im Vergleich dazu bin ich bei einem Kontaktformular dann doch für Datensparsamkeit: fragt nach der Mailadresse und fragt Name und Anrede höchstens optional ab. Mehr braucht es nicht – auf die persönliche Anrede im Newsletter kann ich gerne verzichten.

Nachtrag 23.12.:

Die Betreiber der genannten Gemeinschafts-Webseite haben prompt reagiert. Geht doch 😊

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