extinction rebellion 2021 oder: einfach mal die Autobahn blockieren.

In Berlin ist erneut Klimarebellion – und trotz durchwachsener Erfahrungen in den vergangenen Jahren bin ich wieder für ein paar Tage dabei. Spoiler: Diesmal wurd’s wirklich aufregend.

Zum Ende der vergangenen rebellion wave war noch ein interessanter Kontakt entstanden: ein längeres Telefonat mit einem Menschen aus dem Logistikteam, der Interesse zeigte, mich „hinter den Kulissen“ einzusetzen – wie im vergangenen Jahr erhofft. So hatte ich mich für dieses Mal als LKW-Fahrer gemeldet und das wurde dankbarst angenommen.

Am Sonntag gleich nach meiner Ankunft Treffen mit der zweiten LKW-Fahrerin. Wir machen eine erste Tour miteinander und um Haaresbreite (VORSIIIICHT!!!) kracht es gleich beim Ausparken. Der Transporter ist wirklich groß (und wirklich breit), und es ist eine ganze Weile her, dass ich einen Siebeneinhalbtonner gefahren habe. Aber es passiert nichts, wir transportieren Material vom Uprising Festival ab und ich radle spätabends zurück zu meiner Unterkunft bei einer befreundeten Gemeinschaft (Danke T. und alle!).

Montag geht es früh los – die Rebellen-Feldküche von Wam Kat soll aus dem Fläming geholt werden. Also treffe ich kurz nach acht meinen Beifahrer (Danke P.!) und wir machen uns auf den Weg. Bisher dachte ich immer: Autofahren in Berlin muss die Hölle sein. Wer tut sich das freiwillig an? Und dann stecke ich selbst mittendrin – mit diesem Ungetüm, das praktisch exakt so breit ist wie die Fahrspur *schwitz*. Auf der Autobahn wird es gemütlicher, man hat Platz und kann schön geradeaus fahren. Der Tank ist voll, 900 Kilometer Restreichweite – das Leben ist schön.

In Berlin derweil: Blockade mit Lock-Ons am Brandenburger Tor

Mit meinem Beifahrer plaudere ich angeregt über die ökologischen Nachteile von Windkraftanlagen, die Verlogenheit der „Klimaneutralität“ von Elektroautos, soziale Aspekte von Umgehungsstraßen, Corona-Impfungs-Für-und-wider, bis… ja, bis irgendwas am LKW klickt und piept, wir immer langsamer werden und schließlich stehenbleiben. Mitten in einer Autobahnbaustelle. Fuck.

Also schnell Polizei und Autovermieter angerufen und uns in Sicherheit bringen. Das Borddisplay zeigt irgendwas von wegen defektem Steuergerät. Na prima. Hinter unserem Transporter bildet sich schnell ein Stau, und wir sind perplex, als wenige Minuten später ein weiterer LKW hinter uns hält. Was denn los sei? Tja, Motorschaden. Da stehen wir nun beide, und der Verkehr quetscht sich mit wenigen Zentimetern Abstand an unseren havarierten Fahrzeugen vorbei.

Insgesamt stehen wir da zwei, drei Stunden, bis der Abschleppdienst kommt. Weil: der muss ja durch die zehn Kilometer Stau, die wir verursacht haben. Ich telefoniere abwechselnd mit dem Autovermieter (Geht das nicht schneller mit dem Abschlepper? Die Polizei macht Druck!), dem Pannenservice (Nein, ich werde nicht mein Leben riskieren, indem ich an dieser superblöden Stelle irgendwas aufschraube, um Steuergeräte zurückzusetzen!) und der XR-Logistik (Wann wir hier wegkommen? Was kaputt ist? Ob wir ein Ersatzfahrzeug bekommen? Was weiß denn ich!).

Schließlich kommt der Abschleppdienst und schleppt uns in die Werkstatt – die halbe Strecke zurück Richtung Berlin. Dort warten wir auf den Pannenservice des LKW-Herstellers (Steuergeräte, kompliziert!) und telefonieren weiter wild. Bei einem der Gespräche mit der XR-Logistik kommt ein Verdacht auf. Der LKW sei seit Mietbeginn schon mehrere hundert Kilometer gefahren – das mit dem vollen Tank ist seltsam. Stellt sich raus: die Tankanzeige ist kaputt und hat ganz fälschlicherweise einen vollen Tank angezeigt. Wir haben schlicht den Tank leergefahren. Mitten in einer Autobahnbaustelle.

Derweil in Berlin: Besetzung des Monbijou-Parks

Die Abschlepper helfen uns gerne mit ein wenig Diesel aus, um zur nächsten Tankstelle zu kommen, ABER vorher wollen sie eine schriftliche Bestätigung vom Autovermieter, dass er die 1700 Öcken Bergungskosten übernimmt. Bis die eintrifft, geht eine weitere Stunde ins Land. Als das geschafft ist, bekommen wir 10 Liter Sprit, Motor springt wieder an, wir fahren erneut Richtung Fläming und treffen dort mit flauschigen sieben Stunden Verspätung ein.

Eigentlich könnten wir’s dabei bewenden lassen, aber jetzt geht die Arbeit los. Wir packen die Ladefläche voll mit badezubergroßen Töpfen, nudelsiebgroßen Schöpfkellen, einem anderthalb Meter langen Pürierstab, mehreren Tausend Geschirr- und Besteckteilen, palettenweise Lebensmitteln und so weiter. Fahren ein weiteres Lager bei einem Coworking-Space an, futtern denen heißhungrig die Snackbar leer (Danke!) und brechen nach kurzem Verschnaufen wieder auf Richtung Berlin.

Derweil in Berlin: Blockade mit Tripods

Dort Küchenkram ausladen und direkt im Anschluss Material aus einer Blockade entgegennehmen, die leider deutlich früher geräumt wurde als erhofft. Bei der Gelegenheit zum zweiten Mal an diesem Tag polizeilich erfasst worden – spätestens jetzt stehe ich bezüglich XR wohl in den Akten (Huhu!). Aber irgendwie gefällt mir das auch: Rebellionsmaterial aufzuladen und sagen zu können: keine Ahnung was das ist, wo es her- und hinkommt – ich bin nur der Fahrer. Ich nehme nur Anweisungen aus der Logistikzentrale entgegen. Wer da sitzt? Keine Ahnung. Sprich: ich mache nur legale Sachen und unterstütze damit die Rebellion. Weil: ziviler Ungehorsam liegt mir eh nicht so. Ich bin dermaßen obrigkeitshörig, dass ich mir da eh bloß ins Hemd mache.

Mit einem Tag Verspätung ab morgen: Rebell*innenverpflegung. Versprochen!

Bei der Gelegenheit ein kleiner Exkurs zu dieser LKW-Sache. Ich bin gerade alt genug, um mit dem PKW-Führerschein auch die Erlaubnis zum Fahren eines Siebeneinhalbtonners erworben zu haben. Ohne dass mir das jemals auch nur annähernd beigebracht wurde. Meinem Beifahrer – ein paar Jahre jünger – wird das verweigert. Weil: es hat ihm ja nie jemand beigebracht. Ein schönes Beispiel dafür, wie willkürlich Privilegien vergeben werden. Privilegien lösen ja bei woken Menschen manchmal Unwohlsein aus – aber dass ich damit eine gute Sache unterstützen kann, gefällt mir wiederum.

Der kommende Tag soll ruhiger werden. Das Material aus der Blockade einlagern, damit die Polizei es nicht konfisziert. Der Tag war lang, ich bin ziemlich müde, aber auch ziemlich glücklich. Mein Wunsch nach Wirksamkeit hat sich für heute erfüllt, ich habe ganz nebenbei schöne Kontakte geknüpft und viel Dankbarkeit für meinen Einsatz erfahren. Mein bescheidener Beitrag: nicht die Berliner Innenstadt, sondern die Autobahn blockiert. Was ansonsten den Tag über in Berlin lief, habe ich kaum mitbekommen, aber ich hoffe, dass viele dort ein ähnliches Gefühl von Wirksamkeit erfahren haben.

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