Ein Ausflug in die Zukunft

Wir bauen Zukunft ist ein extrem inspirierender Projektplatz im Mecklenburgischen. Zeit, da mal vorbeizuschauen!

Am Eingangstor von „Wir bauen Zukunft“

Die Anfahrt ist zunächst mal mühsam: Bis ins Örtchen Schwanheide (knapp dreieinhalb Stunden von Berlin) kommt man mit dem Regionalzug, für die verbleibenden achtzehn Kilometer ist man seinem Schicksal überlassen (bald soll es einen Rufbus geben, Haltestelle Zukunft – yay!). Ich habe mir vorgenommen, die Strecke für eine nette Ausfahrt mit dem Faltrad zu nutzen, was grundsätzlich eine gute Idee ist, nur leider ist das Wetter eher ungemütlich. Aber hilft ja nix – ich radle durch Nieselregen vorbei an Klinkerhäusern und Glasfaserbaustellen, flankiert von gelegentlichen Wolken von Landluft.

Angekommen vor Ort laufe ich erst mal ein paar Minuten über verwunschenes Gelände, ohne Menschen zu begegnen. Viel wucherndes Grün, Reste einer vorigen Nutzung des Geländes, und beeindruckende Bauten wie eine aus Europaletten gezimmerte Mega-Hollywoodschaukel, vor Regen geschützt durch einen Mega-Libellenflügel.

Als ich schließlich doch Menschen begegne, werde ich freundlichst begrüßt und ins „Lummerland“ begleitet – den Schlafbereich für Gäste, der für die kommenden Nächte mein Zuhause sein wird. Dort sind in einen wabenförmigen Raum ein Dutzend Schlafkojen eingezimmert. Die Kojen sind kaum größer als die darin liegende Matratze („Niemals ist zu wenig, was genügt!“), bestehen aus einer Menge Upcycling-Material und tragen klingende Namen wie „Nierenpapille“ oder „Kräuselfältelung“. Wenn künftig mal wieder einer unserer Gäste gesagt bekommt „du schläfst dann in West dreizehn“, werde ich mir denken: „Kann man schon so machen, aber kreativ isses nicht“.

Überhaupt, andere Gemeinschaften und Projektplätze besuchen: herrlich. Man kann aufs wohligste drauflosprojizieren, was die alles besser machen. Also los: wow, diese Wertetafel! „Open Source“ und „nachhaltiges Wirtschaften“ stehen da beispielsweise drauf, nicht so alles-und-nichts-Begriffe wie „Liebe“ oder „Gemeinschaft“.

wie üblich: Anklicken (und dann noch mal anklicken) für größere Ansicht

Diese kreativ und gleichzeitig professionell gestalteten Räume – wow! Wir bauen Zukunft ist ein Schrauberparadies. Ein Tag und Nacht geöffneter „Trust Shop“, wo man gegen Geld in die Vertrauenskasse Getränke und Snacks bekommt! Am Tresen Kaffee, der herbeigesegelt wurde und einen Euro extra kostet, weil er nicht in der Verpflegungspauschale enthalten sei (Luxusgut! Recht so!). Also: wunderbar. Wann kann ich einziehen? (So mein Bild eine Stunde nach Ankunft)

Quelle: https://xkcd.com

Der erste Mensch hier, dem ich von meinen rosigen Eindrücken erzähle, muss laut lachen. „Ach was“ entgegnet er, „hier ist auch alles scheiße“. Oh, na gut… Wir plaudern noch eine Weile, und ich erfahre von den (in Gemeinschaft allgemein, und in Pionierprojekten speziell) üblichen Reibereien: wer gibt wie viel rein? Wie viel Ausrichtung braucht es? Strukturen, Entscheidungskompetenzen, Konflikte austragen oder lieber meiden…

Auf „Wir bauen Zukunft“ war ich schon vor einer ganzen Weile aufmerksam geworden; zuletzt hatten sie mich richtig begeistert mit einem CNC-gefrästen TinyHouse:

Aber mit einem Besuch hatte es bisher nicht geklappt. Bis eben Ende letzten Jahres eine großartige Idee in mein Postfach flatterte: ob ich nicht mir selbst eine Zeitreise schenken wolle?

An einem Tag in der Zukunft, (…) wenn es wieder warm ist und die Natur bunt blüht, laden wir alle Timetraveller zu uns ein, um unser Projekt hautnah kennenzulernen. Wir zeigen euch das Gelände, den Permakultur-Waldgarten, erzählen euch von unseren Ideen bei Kaffee und Kuchen im Grünen. Den gemeinsamen Tag lassen wir am Feuer ausklingen, auf dem wir dann auch ein köstliches Abendessen für alle zubereiten.  

Gesagt, getan – und so zogen wir dann an einem sehr herbstlichen Augusttag gemeinsam übers Gelände. Tauschten uns aus, was wir mit dem Begriff Zukunft verbänden, bewunderten Tiny-Houses, nicht-mehr-so-Tiny-Houses und Werkstätten und bekamen im Garten einen Permakultur-Crashkurs. Hängen blieb mir da vor allem der Aspekt, dass sich Permakultur-Prinzipien nicht nur aufs Gärtnern beschränken. So brachte mich das Prinzip „Nutze Randzonen und schätze das Marginale“ zur Frage, wo ich Menschen am Rand meiner Gemeinschaft geringschätze, anstatt zu sehen, dass sie vielleicht gerade dort einen wichtigen Beitrag leisten und zur Vielfalt beitragen.

Zählt das noch als „tiny“?

Weil ein halber Tag viel zu kurz ist, bleibe ich anschließend noch ein paar Tage, erkunde weiter das Gelände, tausche mich mit den Bewohner*innen aus und genieße „Urlaub“.

Freue mich etwa an innovativen Outdoor-Sanitäranlagen und einem wildromantischen Badetümpel mit Fischen, Fröschen und Libellen…

…freue mich über die Verbindungen zu den Gemeinschaften Sieben Linden und Schloss Tempelhof, die an verschiedenen Stellen durchblitzen… und freue mich noch mehr, als ich einen Dom entdecke, wie ihn einst der geniale Visionär Buckminster Fuller entworfen hat:

Es wäre ja geradezu lästerlich, in einem Zukunftsprojekt kein solches Bauwerk zu haben. Aber auch die aus dem Vorgängerprojekt übernommenen und liebevoll weiterentwickelten Gebäude sind nicht ohne, so etwa Dufthaus und Blumenhaus:

Die Menschen hier haben ein Händchen für Gestaltung – und anscheinend auch für Fördermittelakquise: der Aufbau des Co-Working-Space mitsamt der extrem praktischen, CNC-gefrästen Tische? Mit Fördermitteln finanziert. Die Tiny-House-Prototypen? Ebenso. Schick.

Aus meinen Vorsätzen, was ich hier während meiner Auszeit alles durchdenken möchte, wird nicht viel. Der Platz lädt einfach (zumindest in diesen Tagen) so angenehm zum Runterfahren ein, dass ich in die Tage reintrödle, Bücher lese, stundenlang am Teich auf dem Steg in der Sonne liege und Fischen im Teich zugucke. Das passt gut, denn die Menschen hier haben gerade erfolgreich ein großes Festival gewuppt und viele sind auch am Ausruhen, Runterkommen, in-den-Tag-reinschlunzen. Und vielleicht ist halt auch das genau das Richtige, denn die Vorstellung, dass ich hier mal eben den Masterplan für den nächsten Lebensabschnitt runterlade, war mal wieder mächtig naiv.

Morgen breche ich auf und fahre zurück zu „meiner“ Gemeinschaft. Die auch ihre Vorzüge hat, das entfällt mir bloß manchmal. So ist das in langjährigen Beziehungen, wenn so ein junges, aufregendes Ding durchs Bild huscht. Zum Glück muss ich mich gerade nicht entscheiden: kann wieder an meinen Platz, mich dort wirksam fühlen – und mich gleichzeitig hier als Gast bei nächster Gelegenheit wieder herzlichst willkommen fühlen.

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